Die Passacaglia für Orgel schrieb ich ursprünglich 2015 im Auftrag des Dirigenten Rainer Held für grosses Orchester.
Man könnte sie auch Segantini-Passacaglia nennen, da sie vom unvollendeten, gewaltigen Berg-Triptychon 1. Werden (oder La Vita) 2. Sein (oder La Natura) 3. Vergehen (oder La Morte) des in den Engadiner Bergen 1899 jung (41-jährig) verstorbenen, staatenlosen Malers Giovanni Segantini inspiriert wurde.
Die barocke Musikform Passacaglia ist eine Variationenfolge, die sich über ein stets gleichbleibendes Bass-Thema aufbaut.
Mein Passacaglia-Thema erscheint zwölf Mal und beginnt und endet nicht im Bass sondern in der leisen Mittelstimme – begleitet von einem Ostinato-Ton, quasi der Zeit.
Die zwölf Variationen teile ich einerseits analog zu Segantinis Triptychon in die drei Lebensstufen ein: 1. Lebensbeginn 2. Lebensmitte 3. Lebensende, verstehe sie aber auch als die 12 Monate des Jahreskreises.
Während in der Jugend das Passacaglia-Thema stets klar erkennbar bleibt und nach und nach wächst vom Säugling (im entsprechenden Segantini-Bild sieht man eine stillende Mutter), bis hin zum aufbegehrenden Jüngling, ist das Thema im zweiten Teil, Sein oder La Natura, nur schwer erkennbar, obwohl es nie fehlt. Es hat seine Tonart verändert. Dieser zweite Teil verkörpert den Sommer, die Mitte des Lebens, begleitet von Vogelstimmen und von Tanz. Dieser ausgelassene Mittelteil bricht jäh ab wie eine plötzliche Krankheitsdiagnose oder wie der Tod.
Das dritte Segantini-Bild zeigt eine tief verschneite, erstarrte Gebirgslandschaft. Schwarz gekleidete Menschen tragen einen Leichnam aus ihrer Berghütte, draussen warten Pferd und Schlitten.
In der Musik ist das Passacaglia-Thema mit dem immer gleichbleibenden Zeit-Schlag wieder deutlich erkennbar. Die Jugend ist weg, das Lebensfest vorbei, der Sommer verflogen. Gespenstische Melodiefetzen erscheinen wie Geister von Verstorbenen.
Was bleibt, ist Trauer.
Die Passacaglia endet, wie sie begonnen hat.
Nur ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt im allerletzen Takt. Segantini hat diesen Hoffnungsschimmer in einer geheimnisvoll leuchtenden Wolke dargestellt.
(Carl Rütti 2016)