Tabor war der Berg, auf dem Jesus vor seinen Jüngern verklärt wurde. Der Evangelist Markus schreibt: 'Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiss, so weiss, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann.' (Mk 9, 2 - 3)
Die Orgelsuite 'Tabor' versucht in drei Bildern diesem Geheimnis nachzuspüren.
Das erste dieser drei 'Bilder', 'Berg der Verklärung', geht jenem weissen Licht nach, in das Christus auf dem Berg vor seinen drei Jüngern verwandelt wurde; als musikalisches Motiv dient der Ruf 'Lumen Christi' aus der Osternacht.
Im zweiten Bild, 'Die Wolke', spricht Gott Vater aus der Wolke, von der die Apostel eingehüllt werden; Gottes Stimme ist sanft und nicht erschreckend, so wie Elias auf dem Berg Karmel Gottes Stimme vernommen hat. Als musikalisches Motiv steht hier die 'Lamentation' aus der Karwoche in Verbindung mit dem 'Exsultet' der Osternacht: Klage und Freude, da Jesus auf dem Tabor völlige Klarheit über seinen Weg nach Golgatha erhielt.
Das dritte Bild 'Lerche' ist eine Erfindung: Eine Lerche hatte die Verklärung Jesu aus nächster Nähe miterlebt. Diese Lerche sah das Licht der Verklärung wie die Jünger und sucht seither immer nach jenem Licht. Deshalb kreist sie stets unermüdlich der Sonne entgegen und jubelt mit all ihren Kräften ununterbrochen von jenem Ereignis auf dem Tabor. Jesus hatte ja nur seinen Jüngern streng verboten, irgend jemandem etwas über seine Verklärung zu erzählen bis zu seiner Auferstehung von den Toten, nicht aber der Lerche. Zwei Allelujas der Osterzeit stehen als Cantus Firmus unter dem sprudelnden Rhythmus, der dem der Lerche nachempfunden ist.
(Carl Rütti 1993)