Die Vesper, das abendliche Stundengebet, verbindet konzertante Kirchenmusik mit attraktiver Liturgie wunderbar in sich. Über der vorliegenden Michaels-Vesper steht die Frage 'Michael?', hebräisch 'Wer ist wie Gott?'. Die Form entspricht der traditionellen Vesper: Eröffnung - Hymnus - drei Psalmen - Kurzlesung - Responsorium - Magnificat - Fürbitten - Vater unser - Oration - Abschluss.
Der Inhalt aber geht in allen Antiphonen jener Frage nach. Eine erste Antwort zum ersten Psalm: 'Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild'. Doch erst Jesus Christus war und wurde ganz Gott-Mensch. Um diesen Jesus, seinen Namen und sein Leben möglichst innig zu erleben, wird zum zweiten Psalm (phil. 2, 6-11) nach der alten russisch-/griechisch-orthodoxen Gebetspraxis (Jesus-Gebet) das Wort 'Jesus' im Tempo des Atmens ständig wiederholt.
Im dritten Psalm bittet die Sopranistin die Engel 'Weckt den begrabenen Christ' ('Ostern', Gertrud von Le Fort). Die Antwort lautet: 'Geh in dein eigenes Herz; du selber musst auferstehen'.
In der Kurzlesung (Joh. 12, 23-26) und im Responsorium (KGB 010/GL 183) wir der Weg Christi, der Weg 'in dein eigenes Herz' aufgezeigt: ' Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn'.
Von Anfang an war geplant, dass die Vesper auch in der Eucharistiefeier ohne Michaels-Thematik Verwendung finden müsse. Drei Verwendungs-Möglichkeiten sind auf Seite 56 dieser Partitur angefügt. Die Texte der Fürbitten im jeweiligen Gottesdienst singt der Priester auf die gegebenen Töne.
Technisch sind die Möglichkeiten eines Laienchors und -orchsters gewahrt. Einzig das Sopran-Solo stellt etwas höhere Ansprüche.
Die Ausgabe B mit Orchester (Fl, Ob, Kl, Fg, kl. Tp, C-Trp, zwei Pos, Schlagz, Streicher und Orgel) ist beim Verlag auch leihweise erhältlich.
Die Michaels Vesper entstand aus Auftrag zum 100-Jahr-Jubiläum des Kirchenchores St. Michael Zug (1889-1989). Stadtpfarrer Richard Kern besorgte die Textauswahl und eine Neudichtung des Hymnus zur Eröffnung und zum Abschluss, mit Melodien von Paul Rohner. Uraufgeführt am 29. September 1989 unter der Leitung von Paul Rohner in der St. Michaelskirche Zug.
Unterägeri, im Mai 1989 Carl Rütti