Mit der möglichen Ausnahme von Mozart hat kein anderer Komponist in der Musikgeschichte jemals Franz Schuberts Genie für die Melodienkomposition übertroffen. Seine Lieder (Kunstlieder für Gesang und Klavier) entstanden in erstaunlichem Tempo und gehen in die Hunderte. Einige der größten Sänger Wiens gehörten zu seinen engsten Freunden, und es bereitete ihm Freude, seine Lieder für sie zu komponieren. Eines seiner bekanntesten Lieder, „Ave Maria“, entstand 1825, als er 28 Jahre alt war.
Bei meiner Bearbeitung habe ich mir sorgfältig Gedanken darüber gemacht, wie sich Klaviermusik auf Blasinstrumente übertragen lässt, ohne die Würde und Schönheit des Originals zu beeinträchtigen. Hätte ich den Klavierpart einfach wörtlich auf die Blasinstrumente übertragen, wäre ein zaghafter und dünner Klang entstanden. Die Lösung bestand für mich darin, die vielfältigen melodischen Ebenen, die in den Klavierfigurationen angedeutet sind, aufzugreifen und miteinander zu verknüpfen, um so eine reichhaltigere, polyphonere Textur zu schaffen, die für Blasinstrumente geeignet ist. Es hat mir großen Spaß gemacht, das Stück zu zerlegen und neu zusammenzusetzen, und dabei habe ich mir gelegentlich Freiheiten genommen, bin aber nie weit von der grundlegenden harmonischen Struktur des Originals abgewichen und habe mich sehr bemüht, die Schubertsche Eleganz und Anmut zu bewahren.
Es gibt noch weitere Unterschiede zwischen den beiden Fassungen. In Schuberts Vertonung werden drei Textstrophen auf dieselbe Musik gesetzt. Da in meiner Fassung der Text fehlt, erschien es mir ausreichend, die Strophe nur zweimal zu spielen, und es schien notwendig, andere Wege zu finden, um den dramatischen Fluss zu steuern und zu variieren. Ich nahm mir Freiheiten bei der Oktavierung der Melodie, und anstatt die zweite Strophe wörtlich zu wiederholen, gestaltete ich sie als subtile Variation der ersten. Schließlich, und das ist vielleicht am offensichtlichsten, änderte ich den Grundrhythmus des Originals von der Achtelnote zur Viertelnote, um die Lesbarkeit zu verbessern.
Selbst ohne Text klingt Schuberts Lied andächtiger als so gut wie alles, was er je komponiert hat. Dies habe ich während des gesamten Schaffensprozesses stets im Hinterkopf behalten. Vor allem hoffe ich, dass meine Vertonung das tiefe Gefühl der Ehrfurcht und Demut widerspiegelt, das im Original zum Ausdruck kommt.
FRANK TICHELI