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75 Jahre Musikverlag Emil Ruh

Aus der Festschrift 1908 – 1983

verfasst von Theophil Hug

Vorgeschichte

In Adliswil, einer im Sihltal gelegenen Vorortsgemeinde Zürichs, marschiert schon als Jüngling Emil Ruh in dem zusammen mit seinen Brüdern Albert und Gottfried und einigen Kameraden gebildeten "Okarinen-Orchester" musizierend durch die Strassen. Im Posaunenchor der Methodistengemeinde spielt der junge Musikfreund auf verschiedenen Instrumenten begeistert mit. Bald wird er zum Dirigenten des Ensembles und auch zum Leiter des Gemischten Chors dieser Freikirche gewählt. In diese Zeit fallen seine ersten Kompositionsversuche. Nach bestandener Lehre als Schriftsetzer und während seiner Tätigkeit als Musiknotensetzer - damals noch im Typensatz - wird bei ihm der Wunsch, sich ganz der Musik zu widmen und einen eigenen Verlag zu führen, immer deutlicher.

1908

Emil Ruh gründet als Vierundzwanzigjähriger seinen Musikverlag, vorwiegend mit der Herausgabe eigener Kompositionen. Ein Zimmer der Mietwohnung an der Grundstrasse in Adliswil ist gleichzeitig Arbeitsraum und Musikalienlager. Sein Wagemut im Blick auf die 1909 folgende Vermählung war zweifellos stärker als die Frage, ob ein Musikverlag auch eine Familie ernähren könne. Die Anfänge waren ermutigend. Neben eigenen Ausgaben wurde der Kundschaft bald auch die Vermittlung von Werken anderer Verlage angeboten. Die ersten Verbindungen mit dem Ausland wurden geknüpft. Nachdem die Familie 1910 durch die Geburt des ersten Töchterchens gewachsen war, erwies sich die Wohnung als Lebens- und Geschäftsraum bald als zu eng.

1913

Der Kauf des 1900 erbauten Wohn- und Geschäftshauses an der Zürichstrasse 33 in Adliswil, ein markanter Rohbacksteinbau im unver­kennbaren "Stil" jener Zeit, war ein Glücksfall und beweist im Nachhinein die kluge Voraussicht des jungen Verlegers.

Das Haus bot die notwendigen Geschäfts- und Wohnräume, wobei die ersteren im Laufe der Jahre die "Übermacht" bekamen. Das Innere wurde mehrmals den Erfordernissen angepasst und auf den jeweiligen Stand gebracht; zweimal erfolgte eine Fassadenrenovation. Das im Jahre 1959 erworbene Nachbarhaus Sihlquai 28a bot die Möglichkeit, später einen Teil der Geschäfts­räume dort unterzubringen.

1914-1918

Emil Ruh rückt beim Ausbruch des ersten Welt­kriegs ein und leistet als Spielführer in der Etap­pen-Kompanie 1/105 während vielen Monaten Aktivdienst. In dieser Zeit entsteht sein "Schwei­zerischer Etappenmarsch", seinem Kommandan­ten Hptm. Schorno gewidmet (deshalb auch "Sehoma-Marsch" genannt). Die erste gedruckte Ausgabe erschien zu Beginn des Jahres 1915.

Diese Komposition fand schnell Eingang bei der ganzen Armee, so dass sie als der schweizerische Militärmarsch jener Zeit gelten kann. Aber auch die zivilen Musikkorps des In- und Auslandes spielten und spielen diesen inzwischen "historisch" gewordenen Marsch. Die Kriegszeit war allerdings dem Gedeihen des Verlags kaum förderlich, und es war die Ehefrau des diensttuenden Soldaten, welche oft die ganze Last der Arbeit zu tragen hatte.

Die Jahre nach Kriegsende brachten einen schritt­weisen Ausbau der Verlagstätigkeit. Neben eige­nen Kompositionen wurden vermehrt Werke anderer Komponisten herausgegeben. Die Her­stellung der RUH-Ausgaben erfolgte (bis zum Jahre 1943) fast ausnahmslos im vorzüglichen und traditionsreichen Stich und Druck eines grossen Leipziger graphischen Betriebes. Durch die Errichtung einer Kommissionär-Auslieferung bei Fr. Hofmeister, Leipzig, dem deutschen Buch­ und Musikzentrum, wurde die Verbreiterung der Absatzbasis angestrebt. Auch die weiteren Kun­dendienste - Vermittlung von Musikalien und Verkauf von Instrumenten, insbesondere von Harmoniums - erfuhren eine intensive Pflege. Es zeigte sich bald das Bedürfnis nach einer besseren Verteilung der wachsenden Arbeitslast.

1922-1927

Durch den Eintritt von Gustav A. Walser aus Ebnat SG als Mitinhaber und durch die Grün­dung einer Kollektivgesellschaft "Ruh und Wal­ser'' erhielt die Firma eine neue rechtliche Struk­tur. Diese fünfjährige Periode war gekennzeichnet durch eine sehr starke und fast zu risikofreudige Ausweitung der Verlagstätigkeit. Die nachfolgen­den harten Dreissigerjahre brachten nicht die erwarteten Früchte. Dem ab 1927 wieder alleini­gen Inhaber Emil Ruh blieb daher eine schwere Belastung.

1930

Eintritt von Theophil Hug, Sohn einer grossen Adliswiler Familie, in welcher die Kinder trotz bescheidener Mittel von früher Jugend auf fleissig singen und musizieren lernten, als Angestellter.

1933

Ernennung des im gleichen Jahre mit Elisabeth Ruh vermählten Theophil Hug zum Prokuristen. Die Jahre der allgemeinen Wirtschaftskrise waren auch für den Verlag EMIL RUH ein Kampf ums Überleben, der den vollen Einsatz aller Kräfte erforderte.

1939

Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Theophil Hug-Ruh rückt als Fouriergehilfe einer Sanitätseinheit der Gotthardtruppen zum Aktivdienst ein und muss oft monatelang vom Geschäft wegbleiben. Die Familie und 1 - 2 Angestellte sorgen für die Weiterführung der Arbeit. Die geordnete Tätigkeit der Chöre und Musikkorps, der Haupt­kunden des Verlags, kam in den Kriegsjahren wegen der Abwesenheit der Männer weitgehend zum Erliegen oder konnte nur mühsam mit Repertoirestücken aufrechterhalten werden.

Es erforderte grosse Anstrengungen, um in der -in schweren Zeiten meist als nicht lebensnotwen­dig betrachteten - Musikbranche weiterbestehen zu können. Wie schwierig es zum Beispiel war, im damaligen Deutschland als Verleger zu arbeiten, zeigt der folgende Mitgliederausweis der Reichs­musikkammer, ohne den eine Tätigkeit dort unmöglich wurde.

1943

Durch Bombenangriffe wird Leipzig weitgehend zerstört. Für den RUH-Verlag gehen sämtliche originalen Druckplatten im Gewicht einiger Ton­nen bei der Druckerei und grössere Lagerbestände beim Kommissionär verloren.

1945

Nach der endgültigen Niederlage der Achsen­mächte und dem Waffenstillstand galten alle Anstrengungen dem Wiederaufbau. In der kriegsverschonten Schweiz gestaltete er sich zweifellos leichter als anderswo. Glücklicherweise ergaben sich in unserm Lande neue Möglichkeiten der Herstellung und des Ersatzes verlorener Bestände durch das Aufkommen neuer Verfahren in Satz und Reproduktion und im Druck von Musik­noten.

Mit der Heimkehr der Wehrmänner begann sich das musikalische Leben zu Stadt und Land rasch neu zu regen.

1946

Im Frühjahr trifft Familie und Verlag ein schwerer Schlag durch den unerwarteten Tod des Gründers Emil Ruh nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von knapp 62 Jahren.

So war es dem unermüdlich Schaffenden und Kämpfenden leider nicht mehr vergönnt, die Früchte seiner Arbeit zu geniessen und die wei­tere Entwicklung seines Unternehmens mitzuer­leben.

Es war von Anfang an klar, dass der Verlag unter der bisherigen Firma EMIL RUH im Geiste ihres Gründers durch die Familie weitergeführt werden sollte. Die Geschäftsführung hatte der Schwieger­sohn und bisherige Prokurist Theophil Hug zu übernehmen. Die allgemein erwartete Wirt­schaftskrise der Nachkriegsjahre blieb glückli­cherweise aus. Im Gegenteil: Ein ungeahnter und anhaltender Aufschwung stellte sich ein, von dem auch das musikalische Leben erfasst wurde und von dem die Musikbranche neue Impulse erhielt. Die Befürchtung, die mechanische Musikwieder­gabe durch Schallplatte, Radio und später Fernse­hen habe einen negativen Einfluss auf die "tätige" Musikpflege im privaten und öffentlichen Bereich, war unbegründet. Man konnte sogar eine Belebung des musikalischen Interesses durch die Medien bei weiten Bevölkerungskreisen feststel­len.

Der Verlag EMIL RUH erfuhr in der Folge einen stetigen Ausbau: Neue Werke erschienen, frü­here Verbindungen mit ausländischen Verlagen wurden wieder fester geknüpft und zahlreiche neue aufgenommen.

1948

Einführung des eigenen Firma-Signets.

Die weiteren Jahre sind gekennzeichnet durch ein gesundes Wachstum in allen Bereichen der Tätig­keit. Die Zahl angestellter Mitarbeiter muss ent­sprechend vergrössert werden.

1958

Eintritt von Viktor Hug, Sohn des Geschäftslei­ters.

1959

Im Zusammenhang mit der Erbteilung über­nimmt Theophil Hug-Ruh das Geschäft als allei­niger Inhaber. Gleichzeitig wird Prokura erteilt an seine mitarbeitende Gattin Elisabeth Hug-Ruh.

1962

Errichtung einer betriebseigenen Personalvor­sorge.

1967

Viktor Hug, der sich in alle Aufgaben der Produk­tion, des Vertriebs und der Verwaltung eingear­beitet hat, wird die Prokura erteilt.

Dank der Liberalisierung des Handels und des erleichterten Austausches der Musik von Land zu Land im Allgemeinen, aber auch als Folge des erfreulich gedeihenden Musik- und Konzert­lebens der Schweiz im Besonderen, weitet sich der geschäftliche Umfang des Hauses RUH stetig aus.

1976

Auf Jahresbeginn übe1irägt Theophil Hug-Ruh das Geschäft auf seinen Sohn und langjährigen Mitarbeiter Viktor Hug-Rudolph. Der neue Inha­ber erteilt gleichzeitig Prokura an seine mitarbei­tende Gattin Nanny Hug-Rudolph und an seinen nur noch auf reduzierter Basis mitwirkenden Vater.

Zufolge der anhaltenden erfreulichen Entwicklung in den folgenden Jahren erfährt der Mitarbeiterstab die notwendige Erweiterung.

1983

Der Verlag EMIL RUH besteht 75 Jahre.

Gleichzeitig kann der derzeitige Inhaber in der dritten Generation Viktor Hug sein 25-jähriges Jubiläum feiern, ein weiterer Grund, dankbar zu sein und auf erfreuliche Kontinuität zu hoffen.

Theophil Hug (1983)